DAEDALOS Nr. 12 34

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Das lange Warten

von Andreas Fieberg

Die Fluchtkapsel raste auf den Planeten zu, durchschnitt wie ein Projektil die dünne Atmosphäre, stürzte als Feuerball in eine Wüste. Sie zog eine breite Furche durch den Sand und kam an einer Düne zum Stillstand. Die Hitzeschilde knisterten, Rauchfahnen drehten sich im Wind. Gedämpfte Geräusche aus dem Inneren, dann wurden Bolzen weggesprengt, und die eine Hälfte der Hülle klappte zur Seite. Zwei Männer kletterten aus der Öffnung, richteten sich schwankend in dem kalten Licht einer Doppelsonne auf.

»Alles in Ordnung?« fragte David.

Ein feiner Blutfaden lief über Lars' Schläfe. »Nur eine Schnittwunde.«

Die Männer begannen ihre Ausrüstung aus der Kapsel zu räumen. Sie justierten die Atemstutzen unter ihren Nasen und schauten sich um.

»Sieh nur!« David deutete zum Horizont. Am Rande der Wüste war wie hinter flüssigem Glas die Silhouette einer Stadt zu sehen. Lars hob ein Fernglas an die Augen. »Ruinen«, meldete er, »eine verlassene Stadt.«

»Unmöglich!« rief David. »Die Stadt wimmelt von Leben.« Er riß Lars den Feldstecher aus der Hand. Und da war sie, die fremde Stadt, deren Bewohner, schlank und schattenhaft, über die Straßen eilten, Lasten schleppten, ihren Geschäften nachgingen. Fahrzeuge bewegten sich am Boden und flitzten hoch in der Luft zwischen schlanken Bauten hin und her.

»Du mußt es doch auch sehen«, sagte David ungläubig. »Eine Betriebsamkeit wie in einem Bienenstock!«

Lars blickte ihn nachdenklich an und zuckte die Achseln. »Eine Sinnestäuschung vielleicht. Ich sehe nichts als leere Ruinen.«

Wortlos warf sich David den Rucksack über die Schulter und stapfte über den feinen Sand voraus. Lars folgte ihm in einigen Schritten Abstand.

Ihre Landung war keineswegs unbemerkt geblieben. Ein einziges starres Augenpaar hatte die Ankunft der beiden Männer verfolgt.

Sie setzten ihre Stiefel auf einen verlassenen Platz und ließen die Blicke über die halbverfallenen Gebäude schweifen.

»Tot«, sagte David enttäuscht. »Die Stadt ist tot.«

Der Hall löste eine Stuckverzierung von einer der Sandsteinfassaden. Eine Handvoll Staub, eben noch kunstvolles Ornament, rieselte zu Boden. Vorsichtig setzten die Männer ihren Weg fort, sie schlichen zwischen umgestürzten Mauern und halbversunkenen Säulen durch die Straßen, in der zunehmenden Dämmerung nach einem geeigneten Unterschlupf für die Nacht Ausschau haltend.

Sie fanden ihn schließlich in einer großen Halle, die leer war, soweit sie das vom Eingang her beurteilen konnten. Ihre Lampen waren nicht stark genug, die Halle bis in den letzten Winkel auszuleuchten, der trübe Schein verlor sich im sternengesprenkelten Dunkel, das durch die hohen Fenster zu sehen war. Nahe beim Eingang, der nicht mehr war als eine türlose Maueröffnung, bauten sie sich ein notdürftiges Lager, rollten Isoliermatten und Schlafsäcke aus, lutschten ihr Nachtmahl aus versiegelten Plastikschläuchen und schliefen ein.

Am nächsten Morgen erwachte David mit einem Gefühl drohender Gefahr, für das er als Mann, der sich oft durch unbekanntes Gebiet bewegte, ein sicheres Gespür besaß. Zuerst wußte er nicht, was ihn so unvermittelt aus dem Schlaf gerissen hatte, dann aber spürte er einen Blick auf sich. Schwer und unentwegt wie eine Hand, die sich auf seine Stirn gelegt hatte. David hob vorsichtig den Kopf, um die Halle zu sondieren, die sich im morgendlichen Zwielicht vor ihm ausdehnte. Die Männer waren nicht allein.

Irgend etwas sagte David, daß die Gestalt, die dort reglos im Dämmer des heraufziehenden Morgens verharrte, sie schon eine ganze Weile belauerte. Ihm wurde bewußt, daß er nichts besaß, was ihm als Waffe zur Verteidigung hätte dienen können. Außerdem war er vorerst auf sich alleingestellt, wie ihm die gleichmäßigen Atemzüge seines Kameraden verrieten. David wagte nicht, sich zu rühren, um dem Fremden keine Blöße zu zeigen. Sollte es zu einem Kampf kommen, wollte er dem anderen den ersten Schritt überlassen. Sollte der doch seine Deckung zuerst aufgeben! Aber offenbar hielt es der Fremde, was das betraf, genauso wie David.

David kniff die Augen zusammen, um das Zwielicht zu durchdringen. War es auf das angestrengte Starren zurückzuführen, oder veränderte die Gestalt tatsächlich ihre Form? Waren es nur die Schatten, die die Konturen verwischten, die erst allmählich an ihren Platz rückten? In dem zunehmenden Licht erkannte David, daß es sich um eine Frau handelte, eindeutig humanoid. Die Erscheinung wirkte ganz und gar nicht bedrohlich, im Gegenteil, die Haltung ihrer Hände und der Ausdruck in ihrem feingeschnittenen Gesicht, das von langen Haaren umrahmt war, hatte eher etwas Bittendes, beinahe Flehentliches. Und noch etwas erkannte David in dem Licht der aufgehenden Doppelsonne, die ihr Licht jetzt in breiten Bahnen durch die Halle wandern ließ: Die Gestalt war aus Stein. Mit dem Rückzug der Nacht hatte sie ihre ätherische Anmutung verloren und feste Substanz gewonnen.

Ohne Lars zu wecken, näherte sich David der Statue, umrundete sie und schaute ihr ins Antlitz. Das einfallende Sonnenlicht schien die toten Augen zu beleben, und ihr Blick folgte David, als er vor der Statue auf und ab ging. Wer immer der Künstler in dieser fremden Welt gewesen sein mochte, er hatte ein Meisterwerk geschaffen.

Ein Geräusch im Rücken lenkte David ab - Lars, der aufgewacht war und sich von seinem Lager erhob. Er streifte die Skulptur mit einem flüchtigen Blick. »Laß uns keine Zeit verlieren!« sagte er, sich abwendend. »Wir sollten uns um das Notsignal kümmern.«

Sie verbrachten den Vormittag damit, den Peilsender, der bei der Landung Schaden genommen hatte, zu reparieren. Immer wieder hob David den Kopf, ließ die Hände mit den Drähten und Platinen sinken, um zu der Statue hinüberzuschauen, die ungeduldig auf ihn wartete, die ihn mit angedeuteter Geste bat, ihr Rätsel zu entschlüsseln. Und sobald seine Aufgabe erledigt war, folgte David ihrem stummen Ruf, während Lars unter Kopfhörern auf das Pfeifen, Summen und Zirpen zwischen den Sternen lauschte.

David machte sich daran, die Statue aus allen Perspektiven zu skizzieren, er nahm Maß von ihr, verzeichnete ihre Proportionen und konnte nicht umhin, die Harmonie ihrer Gestalt und Haltung zu bewundern. Die Neigung des Kopfes, die angedeutete Geste, der Blick, das Mienenspiel - alle Elemente fügten sich zu einer perfekten Komposition. Das wirkte so lebensecht, daß David sich fragte, ob sich dahinter vielleicht mehr als nur eine Art Denkmal verbarg. War es möglicherweise die Hülle eines in Stein konservierten Körpers, den Mumien des alten Ägypten nicht unähnlich?

Also versuchte David, das Material mit seinen Werkzeugen zu durchdringen. Vergebens. Meißel glitten an der Skulptur ab, ohne eine Spur zu hinterlassen, Bohrer zerbrachen. Es gelang David, eine mikroskopisch kleine Menge Staub von der Oberfläche zu gewinnen. Wie er aber feststellen mußte, war es nicht mehr als die hauchdünne Patina, die die Atmosphäre des Planeten auf der Figur abgelegt hatte.

Davids Reagenzgläser, sein Bunsenbrenner und seine Destilliervorrichtung, die Insignien eines naturwissenschaftlich forschenden Verstandes, waren bei diesem Unterfangen nutzlos. Die Statue gab ihr Geheimnis nicht preis.

»Unser Notsignal ist aufgefangen worden«, sagte Lars. »Eine Rettungsbarke ist unterwegs.« David hörte es kaum. »Wir sollten uns bereithalten«, mahnte Lars. David murmelte eine Antwort. Es war, als spräche er im Schlaf.

»Was hast du gesagt?« fragte Lars.

»Ich sagte, ich komme nicht mit.«

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«

David erwiderte nichts, widmete sich voller Konzentration der Statue, klopfte sie ab, lauschte auf eine Resonanz. Das Material schluckte jeden Laut.

»Ich habe die Statue mit jeder denkbaren Strahlung, die wir mit unseren bescheidenen Mitteln erzeugen können, beschossen«, erzählte er versonnen. »Das Merkwürdige ist, daß alle Wellen ohne Hindernis in die Figur eindringen. Aber nicht eine davon tritt wieder heraus. Sämtliche Strahlung wird absorbiert.«

»Vergiß die Statue!« Lars klang nervös. »Sie ist unwichtig. Wir müssen zur Erde zurück. Man erwartet uns. Weißt du denn nicht mehr, was Sinn und Zweck unserer Reisen ist?«

David lächelte abwesend. »Du meinst, weshalb wir Männer uns wieder und wieder wie die Lemminge ins All stürzen, uns auf riskante Missionen begeben?«

»Genau das.«

Jeder Mann kannte den letzten Grund, bewußt oder unbewußt, ob er sich nun selbst darüber Rechenschaft ablegte oder nicht. Man brauchte es nicht eigens zu erwähnen. Die verborgene Triebfeder dieses männlichen Unternehmungsgeistes war der Wunsch, zurückzukehren zur anderen Hälfte der Welt, zu den Mädchen, Frauen, Freundinnen, Mätressen, um von bestandenen Abenteuern zu berichten und gemeisterten Gefahren, um die Trophäen der Eroberungen herumzuzeigen und Bewunderung zu ernten - bevor es erlaubt war, sich an die eigentliche Eroberung zu machen, die schwierigste und schönste, nämlich das Herz einer Frau zu gewinnen.

»Ich habe den Grund nicht vergessen«, sagte David langsam. »Aber es bedeutet mir nichts mehr.«

Vor der Stadt war das Fauchen von Bremstriebwerken zu hören: Die Rettungsbarke, die bereit war, die Männer nach Hause zu bringen. Lars leckte sich über die trockenen Lippen. »Wir haben nicht viel Zeit. Uns bleibt nur ein kleines Fenster. Der Autopilot läßt nicht mit sich handeln.« Er machte ein paar Schritte zum Ausgang der Halle hin, warf einen Blick zurück.

»Was ist nun, kommst du mit?«

Als er keine Antwort erhielt, fluchte er und ging weiter, zuerst zögernd, dann immer schneller, als er merkte, daß es David ernst war. Er überquerte den Platz.

»Ich schicke jemanden zu diesem Planeten!« rief er, bevor er zwischen den Ruinen verschwand. Kurz darauf erhob sich die Rettungsbarke in den klaren Himmel, entfernte sich, rasch kleiner werdend, bis sie schließlich zu einem Nichts zusammengeschrumpft war.

Endlich war David mit der Statue allein. Ums Überleben auf dem Planeten machte er sich keine Sorgen, die Vorräte aus der Fluchtkapsel würden eine Weile vorhalten. Seine Gedanken galten einem anderen Ziel.

Er hatte beschlossen, sich auf anderem Weg dem Geheimnis der Statue zu nähern. Seine Hände folgten den Linien und Flächen, die der fremde Bildhauer so treffsicher aus dem Stein geschlagen hatte. Er ertastete die Wölbung der Stirn, den Schwung der Lippen, die Falten des Gewandes. Seine sensiblen Finger erforschten jeden Quadratzentimeter der Oberfläche, formten die Gestalt nach, erschufen sie neu. Wie in Trance streichelte er die Skulptur, deren kühler Stein sich unter seinen fortwährenden Berührungen erwärmte. Schließlich sank David erschöpft zu Boden, fiel in einen unruhigen Dämmer.

Er wußte nicht, wie lange er so dagelegen hatte. Als er die Augen aufschlug, neigte sich der Tag schon seinem Ende zu. David sprang auf die Füße. Im letzten Licht der untergehenden Sonnen sah er die Träne, die über die glatte Wange der Statue rollte. Sacht küßte er die Träne fort, sacht berührten seine salzigen Lippen den steinernen Mund. Leben flackerte in den ehemals toten Augen. David schlang die Arme um das Wesen, das seine Berührung mit sanftem Druck erwiderte.

Und nun sprach die Frau in einer fremden Sprache zu ihm, mit dunklen, wohltönenden Lauten. Und David verstand sie. Sie lud ihn ein, daß er sie in ihre Welt begleite. Sie zog David an der Hand durch belebte Straßen, in denen er immer wieder stehenblieb, um in dem Strom der Passanten den exotischen Wesen nachzuschauen, die an ihnen vorbeihasteten, so daß seine Begleiterin ihn immer wieder lächelnd zum Weitergehen aufforderte.

So durchwanderten sie Orte, die Davids Führerin für ihn aus Ruinen neu erstehen ließ. Die Stätten erschienen, kurz bevor die beiden sie betraten, und versanken, nachdem sie sie verlassen hatten. Sie existierten nur für sie und ihn und nur so lange, wie sie sich in ihnen aufhielten.

An ihrer Seite schritt David durch alte Bibliotheken, Konzertsäle und Museen, las, hörte und schaute eine Kultur, so fern und fremd der menschlichen, und gleichzeitig so nah und verwandt, daß es ihn zu Tränen rührte.

Dann, nachdem er ihr Volk kennengelernt hatte, machte sie ihn mit ihrem persönlichen Leben vertraut, zeigte ihm die Schrecken und Schönheiten ihrer Kindheit, das Glück und das Leid ihrer reifen Jahre.

Am Ende der Reise standen sie wieder auf dem Podest in der Halle, eng umschlungen. Der Reigen der Bilder, den David gesehen hatte, hallte noch in ihm nach, hielt ihn umfangen. Bis die Frau sich endlich aus seinen Armen löste und auf den Boden hinabsprang. Unfähig, ihr zu folgen, verharrte David und beobachtete, wie sie mit wehendem Gewand durch die Halle eilte und in der Nacht verschwand.

David hatte nicht ein einziges Mal geblinzelt.

***

Dann irgendwann, ungezählte Zyklen später, im Blau des leeren Himmels ein Aufblinken, als hätte jemand eine Münze in den Himmel geworfen. Der Klang menschlicher Stimmen, die näherkommen. Eine vierköpfige Gruppe, drei Männer und eine Frau, in Raumanzügen. Die Frau tritt vor die Skulptur, die sie dort mitten in der Halle entdeckt hat.

Vom Eingang her meldet eine Stimme: »Hier ist nichts von Bedeutung. Gehen wir weiter.«

»Einen Augenblick noch.« Die Frau rührt sich nicht, wendet den Blick nicht ab. »Ich komme gleich nach. Zuerst muß ich das hier untersuchen.«

Sie läßt sich im Schneidersitz zu Füßen der Statue nieder, schaut zu ihr auf. Fragen bestürmen sie. Wer mag dieses Kunstwerk geschaffen haben? Und wen stellt es dar? Wer ist dieser Mann, wie hat er gelebt, was hat er getan? Was sind seine Träume? Welche Sehnsüchte quälen ihn?

»Ich werde es herausfinden«, sagt die Frau leise. Ein Wind weht Sand in die Halle. Die steinernen Augen erwidern ihren Blick. Wartend.

Originalveröffentlichung
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